Rezensionen
M. Behrendt, A. Biesecker, A. Ergenzinger et al.: Blockierter Wandel? Denk- und Handlungsräume für eine nachhaltige Regionalentwicklung
Zwischenräume in der Nachhaltigkeit
M. Behrendt, A. Biesecker, A. Ergenzinger, M. Friese, S. Hofmeister, B. Knothe, S. Kruse, T. Mölders, S. Schön, B. Scurrell, U. von Winterfeld: Blockierter Wandel? Denk- und Handlungsräume für eine nachhaltige Regionalentwicklung. München: oekom verlag 2007, 195 S., ISBN 13: 978-3-86581-038-0, € 29,80
Rezension von Linda Nierling und Oliver Parodi, ITAS
„Blockierter Wandel?“, so lautet der Titel des hier rezensierten Buches, der zugleich als Leitfrage den vorgestellten Analysen zu einer nachhaltigen Entwicklung in Ostdeutschland zugrunde liegt.[1] Der Frage, welche Hemmnisse und Handlungsblockaden einer nachhaltigen Entwicklung entgegenstehen wird gemäß des transdisziplinären Forschungsansatzes anhand eines konkreten Fallbeispiels, der Region „Mulde-Mündung“ in Sachsen-Anhalt nachgegangen mit dem Ziel, zukünftige „Denk- und Handlungsräume“ für eine nachhaltige Regionalentwicklung eröffnen zu können.
Zur Bearbeitung dieser transdisziplinären Fragestellung greifen die Autorinnen auf einen interdisziplinären Pool wissenschaftlicher Konzepte und Theorien zurück. So zeigt sich das Buch als Konglomerat oder besser als Schnittpunkt der Stränge transdisziplinärer und sozialökologischer Forschung, Nachhaltigkeits-, Ostdeutschland-, Gender- und Raumforschung. In einer theoriegeleiteten Zusammenführung gelingt es den Autorinnen, diese unterschiedlichen Ansätze zusammenzuführen, nutzbar zu machen sowie Unterschiede in einem Brückenkonzept zusammenzuführen.
1 Theoretischer und forschungspraktischer Ansatz
Jene im Nachhaltigkeitsdiskurs oft beklagte Kluft zwischen Wissen und Handeln und die sich daran entzündende Frage, wie wissenschaftlich generiertes System- und Zielwissen in die Praxis überführt werden können, bildeten den Dreh- und Angelpunkt des Forschungsvorhabens. Die Autorinnen versuchen, diese Kluft unter Rückgriff auf transdisziplinäre Forschung mit feministischer Perspektive zu überwinden. Der Forschungsprozess per se, die zugrunde liegenden (disziplinären) Forschungsparadigmen sowie die eigene Involviertheit als Forscherinnen waren Gegenstand umfassender Reflexion. Dies geschah im Erstreben sowohl einer gelingenden Interdisziplinarität als auch einer Realisierung transdisziplinärer Forschung, die den gleichberechtigten Einbezug der Lebenswelt der Akteure und der Schaffung eines gegenseitigen Lernumfeldes fordert.
Grundlegende These des Forschungsprojekts war, dass der „blockierte Wandel in der Region auf dichotomes Denken und Handeln zurückzuführen“ sei (S. 31). Damit wurde eine gendertheoretische Basis gewählt, um gesellschaftliche Bewertungsmuster zu analysieren und den Ausgangspunkt für Wandel zu identifizieren: Hierarchisch strukturierte Dichotomisierungen schrieben Ab- und Aufwertungen fest und blockierten neue Entwicklungen. Für Wandel jedoch seien „neue Bezogenheiten zwischen bislang Getrenntem, Unverbundenem oder Unsichtbarem“ von Nöten (S. 11).
Im Aufbau des Buches wird der Gang der Argumentation deutlich: Ausgehend von einer Beschreibung der Region „Mulde-Mündung“ folgt eine kurze Auseinandersetzung mit dem theoretischen und forschungsleitenden Hintergrund von Nachhaltigkeit, Gender, Raum, sowie dem Umgang mit Methodenvielfalt. Aufbauend darauf werden mithilfe eines breiten qualitativen Methodenspektrums Dichotomien und Blockaden in der empirischen Praxis identifiziert. Der Entwurf eines „Brückenkonzepts“zur Überwindung theoretischer und interdisziplinärer Klüfte bildet sodann die konzeptionelle Grundlage, um neue Bezogenheiten sowie neue Aushandlungsprozesse in der Region zu entwickeln. Der Band schließt mit einer umfassenden Reflexion des Forschungsansatzes und einem Ausblick für zukunftsweisende Umsetzungsstrategien für die nachhaltige Entwicklung der Region.
2 Wege in eine nachhaltige Regionalentwicklung
Kapitel vier und sechs des Buches widmen sich der Darstellung der Forschungsergebnisse. An dieser Stelle sollen die Ergebnisse eines der Teilprojekte exemplarisch vorgestellt werden.[2] Das Teilprojekt „Tätigkeitsräume“ beschäftigte sich mit der schrumpfenden Erwerbsarbeit in der Region. Anhand zweier Praxisbeispiele, zum einen der Rekultivierung eines ehemaligen Braunkohletagebaus, der Goitzsche, und zum anderen der Gemeinwesenarbeit Wolfen Nord, werden die empirischen Ergebnisse dargestellt. Charakteristisch für die Region seien Schrumpfungsprozesse, die sich deutlich auf das alltägliche Leben und insbesondere auf die ostdeutsche Arbeitsrealität niederschlügen. So sei Migration aufgrund fehlender Arbeitsplätze weit verbreitet. Durch die Knappheit verstärke sich die Segregation der Erwerbstätigen und Erwerbslosen. Industrielle Entwicklung erscheine als paradigmatische Form der Arbeit, demgegenüber fehle Vertrauen in das eigene, kreative Arbeitspotenzial und es käme zu einem Rückgang von Selbstversorgung und Pflege. Vielmehr stünden Tätigkeiten, die nicht zur Sphäre der Erwerbstätigkeit gehörten, „im Schatten industrieller Erwerbsarbeit und gelten als gesellschaftlich wertlos“ (S. 56). Durch die gegenwärtige Entwicklung scheine sich die Dichotomisierung und Hierarchisierung von Erwerbsarbeit und Nicht-Erwerbsarbeit zu verfestigen und zu verstärken.
Im Teilprojekt „Tätigkeitsräume“ ließen sich – ebenso wie in den anderen Teilprojekten – Dichotomien ausmachen, die diese Räume strukturieren und sie in zwei getrennte Sphärengliedern: in die hegemoniale Sphäre, die z. B. Felder wie Erwerbsarbeit, Großindustrie, zentrale politische Macht umfasst, und die nicht-hegemoniale Sphäre, die z. B. reproduktive Tätigkeiten und Partizipation an politischen Prozessen umfasst. Während die hegemoniale Sphäre den gängigen gesellschaftlichen Bewertungssystemen folge, auf gesellschaftlicher Ebene etabliert sei und so als „wertvoll, wertschaffend, produktiv“ eingestuft werde, gälten Tätigkeiten aus der nicht hegemonialen Sphäre als „wertlos, nicht wertschaffend, unproduktiv“ (S. 78). Allerdings ließen sich Brüche in der gegenwärtigen dichotomen Struktur erkennen, sodass sogenannte „Zwischenräume“ entstünden, die das vormals klare Verhältnis zwischen den Sphären aufbrächen (S. 80). Neue Konzepte und Initiativen, die gegenwärtig noch in einem prekären Status sind, werden als solche „Zwischenräume“ angesehen.
Diese Zwischenräume seien zum einen in ihrer Analyse zentral für den Fortgang des Forschungsprojekts, zum anderen in ihrer Etablierung zentral für einen Wandel in Richtung nachhaltige Entwicklung, so das Ergebnis des Forschungsverbundes. Unter dem Terminus der „Zwischenräume“ sollen „bisher ausgegrenzte und abgespaltene Räume und Aktivitäten“ (S. 101) sichtbar gemacht und so aufgewertet werden: „Nachhaltige Regionalentwicklung (…) erfolgt über die Ermöglichung, Sicherung und Stabilisierung von (re)produktiven Zwischenräumen, in denen Ziele und Prozesse einer sozialökologischen Transformation der Region im gemeinsamen Lernen entworfen und gestaltet werden“ (S. 176), so das zentrale Ergebnis des Projekts. Die Anerkennung dieser Zwischenräume als „wertschöpfend“ verbunden mit der Überwindung dichotomer Bewertungsmuster erscheint essenziell, um diese Räume des Übergangs in bestehenden Strukturen zu verankern und Blockaden in nachhaltigen Wandlungsprozessen zu lösen.
Im Themenfeld „Arbeit“ zeigte sich, dass vor dem Hintergrund von Schrumpfungsprozessen, die zwar Arbeitsmigration und eine verstärkte Segregation von Erwerbstätigkeit und Erwerbslosen verursachen, auch Möglichkeiten für die Gestaltung von Zwischenräumen entstünden. So bringe die Rekultivierung des ehemaligen Braunkohletagebaus Goitzsche zu einer seenreichen Kunstlandschaft neue Tätigkeitsfelder hervor (z. B. in den Bereichen Bildung, Naturschutz und regionale Vermarktung).
3 Kritische Würdigung
Gemäß der Theorien- und Methodenvielfalt des in diesem Band sozialökologischer Forschung vorgestellten Ansatzes bietet dieser an unterschiedlichen Stellen Anlass zu einer kritischen Würdigung. Auf der Ebene transdisziplinärer Forschung wird deutlich, mit welcher Konsequenz Transdisziplinarität im Forschungsprojekt umgesetzt wurde. Insbesondere die Offenlegung ihrer theoretischen Grundlagen, ihrer Vorannahmen sowie der Wille zur Verständigung wurden mit größter Hingabe verfolgt. Weiterhin wurden eigene Nomenklaturen entwickelt, denen die unbedarfte Leserschaft allerdings nicht immer leichtfüßig folgen können dürfte. Dass eigene Begriffe und Konzepte entstanden, verdeutlicht, dass Transdisziplinarität keine Universalien erschafft, weder eine Einheit aus der Vielfalt der Disziplinen noch eine disziplinen- oder gar wissenschaftstranszendierende Sprache, sondern vielmehr wiederum „fachspezifische“ Konzepte und Termini. Darüber hinaus zeigt das Buch sehr deutlich, wie aufwendig und mühsam sich inter- und transdisziplinäre Wissenschaft gestalten kann, wenn sie tatsächlich ernst genommen wird.
Auf der Ebene der Nachhaltigkeits- und Ostdeutschlandforschung wurden gemäß den Projektzielen Strategien gegen Blockaden in der Region identifiziert: Zwischenräume und ihre Verankerung in Institutionen seien der Ausgangspunkt für Wandel. Diese gelte es weiter zu stärken. Natürlicherweise blieb die Tragweite und Ausstrahlung dieser im Projektverlauf angestoßenen Initiativen im Rahmen der Projektlaufzeit offen. Nichtsdestotrotz erscheinen im Buch ihre Umsetzung und damit eine Zukunftsperspektive entscheidend: Inwieweit sind die hier verfolgten Ansätze in der Lage, umfassende Wandlungsprozesse in der Region anzuregen, die über Kooperationen im Kleinen hinausgehen? Welche Teile der Bevölkerung erreichen diese Initiativen und erscheinen sie als attraktive Alternative zu bestehenden Verhältnissen? Wie können Wege in diebreite gesellschaftliche Öffentlichkeit geebnet werden? Leider bleiben die Empfehlungen gerade hinsichtlich der Überführung der „Graswurzelansätze“ sehr allgemein und verweisen auf die Anerkennung dieser Ansätze in Politik und Gesellschaft. Bei der Frage, in welcher Weise dies vonstattengehen könnte, besteht sicherlich weiterer Forschungsbedarf.
Eine letzte (philosophisch müßige) Frage drängt sich uns nach der Lektüre auf: die nach der ferneren Zukunft der Zwischenräume, jenen Nistkästen gesellschaftlichen Wandels. Was bleibt nach der Aufhebung aller Zweiteilung („Dichotomien“) und Einebnung hierarchischen Gefälles? Eine endzeitlich, hoffentlich paradiesische oder aber eine dialektische Welt, die doch unablässig neue Unterschiede, Differenzen und damit auch Zwischenräume aus sich heraus gebiert? Doch unsere bange Sorge um die Brutstätten gesellschaftlichen Wandels wird – angesichts der herrschenden Verhältnisse – sogleich als akademische erkannt und verworfen. Das Buch „Blockierter Wandel?“ hingegen eröffnet mit seiner ungewöhnlichen Perspektive in der Landschaft der sozialökologischen Forschung bemerkenswerte Zwischenräume. Wir wünschen ihnen, dass sie sich in angemessener Weise etablieren lassen.
Anmerkungen
[1] Das Buch stellt die Ergebnisse des gleichnamigen Forschungsvorhabens vor, das im Rahmen des BMBF-Forschungsprogramms „Sozial-ökologische Forschung“ im Themenschwerpunkt STRARE („Sozial-ökologische Transformationen im Raum – Synthese von raum- und regionalbezogenem Wissen“) von 2003 bis 2006 gefördert wurde. Die Projektkoordination lag bei Dr. Babette Scurrell, BUND Dessau, darüber hinaus waren die Universität Bremen, das Wuppertalinstitut für Klima, Umwelt, Energie, das „inter 3 Institut für Ressourcenmanagement“ sowie die Universität Lüneburg als Projektpartner beteiligt. Siehe auch http://www.blockierter-wandel.de.
[2] Die sechs Teilprojekte umfassten die Themen: Normative Räume (normative Grundmuster im Umgang mit Hochwasser), Umwelträume (Blockaden in der Vereinbarung von Stoffwirtschaft mit wasserbezogener Versorgungsinfrastruktur), LernHandlungsräume (blockierte Lern-und Handlungsmuster individueller Akteure), Tätigkeitsräume (Dichotomisierungsprozesse im Feld des Arbeitens), NaturKulturräume (Möglichkeiten und Grenzen der Integration von Natur und Kultur), Umsetzungsräume (neue Bezogenheiten zwischen Wissenschaft und Praxis).