Tagungsberichte
Kongress: Unsichere Zeiten - Überlebensstrategien in Megastädten (Jena, 6. - 10. Oktober 2008)
Unsichere Zeiten – Überlebensstrategien in Megastädten
Bericht zum 34. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
Jena, 6. - 10. Oktober 2008
von Hauke Jan Rolf, Universität Mainz
Auf Fragen nach den nationalen sowie internationalen Transformationen und den damit verbundenen weltweiten Unsicherheiten für die verschiedenen Gesellschaftssysteme und ihre Bürger lag der thematische Schwerpunkt des 34. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS). Insgesamt fanden bei diesem Kongress in Jena 632 Vorträge in den unterschiedlichen Plenen, Foren, Sektionsveranstaltungen, Arbeitsgemeinschaften und in den Sitzungen der 48 verschiedenen Ad-hoc-Gruppen statt.
In seinem Eröffnungsvortrag verwies Ulrich Beck darauf, dass Nationalstaaten ihre Handlungsstrategien gegenüber gesellschaftlichen Risiken wie der sozialen Ungleichheit bis heute überwiegend auf ihr staatliches Territorium ausgerichtet hätten, sich jedoch angesichts der globalen Herausforderungen zunehmend transnational orientieren müssten. Am Beispiel des Klimawandels verdeutlichte Beck, wie sich global soziale und natürliche Ungleichheiten gegenseitig verstärkten und zu einer selektiven Verwundbarkeit bestimmter, besonders betroffener Armutsregionen führten. Die Abwendung dieses Gefahrenpotenzials könne nur auf supranationaler Ebene angegangen werden, um der gegenwärtigen „organisierten Unverantwortlichkeit“ entgegenzuwirken, betonte Beck. „Risikoerzeugung und Risikobetroffenheit werden räumlich und zeitlich entkoppelt. Was eine Bevölkerung an Katastrophenpotenzial in Gang setzt, trifft ‚andere‘: die Menschen in fremden Gesellschaften und zukünftigen Generationen.“ Und weiter: „Der Klimawandel setzt ein kosmopolitisches Moment frei (…), als Folge von globalen Risiken.“ (Beck 2008)
Unter den diversen Veranstaltungen des Soziologentages fanden sich auch einige aus dem Bereich der Stadt- und Regionalsoziologie, etwa zum Thema: „Multilokales Leben, multilokale Haushalte und multilokale Arbeit als erweiterte Optionen oder erhöhte Unsicherheit“ oder „Kriminalität und Unsicherheit im großstädtischen Raum“. Als ein Höhepunkt des 34. DGS-Kongresses kann schließlich die von Ingrid Breckner (HafenCity Universität Hamburg) moderierte Abendveranstaltung mit dem Titel „Überlebensstrategien in Megastädten“ gelten, auf der Helmuth Berking (Technische Universität Darmstadt) und Dieter Läpple (HafenCity Universität Hamburg) ebenso leidenschaftlich wie vehement eine Podiumsdiskussion zur Frage führten, wie aus wissenschaftlicher Sicht mit dem Phänomen Megastadt und der zunehmenden Verslumung der meisten „Metropolen des Südens“ umzugehen sei. Im Folgenden wird der Fokus des Tagungsberichtes auf diesen thematischen Schwerpunkt gerichtet.
1 Die gesellschaftliche Herausforderung angesichts der neuen „südlichen“ Megastädte
Das Mantra der Metropolenforschung, dass mit Beginn des 21. Jahrhunderts ein Zeitalter globaler Verstädterung eingeläutet wurde und erstmals in der Geschichte der Menschheit mehr als die Hälfte der weltweiten Bevölkerung eine urbane ist, hat sich mittlerweile bis weit über die disziplinären Grenzen hinaus herumgesprochen. Trotz des Konsenses, dass sich die gegenwärtige Entwicklung mit beispielloser Rasanz vollzieht, fällt die Beurteilung des Phänomens höchst unterschiedlich aus. Entsprechend changieren die wissenschaftlichen Abhandlungen zum Thema meist auch zwischen sehr unterschiedlichen, ideologisch aufgeladenen Interpretationen – sei es als generalisierend apokalyptischer Nekrolog auf das Phänomen Stadt oder entgegengesetzt als Glorifizierung der neuen Mega- und Hyperstädte und ihrer Bewohner. Während erstere in der Regel implizit eine imaginierte städtische Einheit – etwa gemäß dem Leitbild der europäischen Stadt – voraussetzen und für unwiederbringlich verlorengegangen halten, tendieren Letztere zu der Gewichtung auf den meist heroisch dargestellten Pioniercharakter informalisierter Arbeits- und Interaktionsprozesse insbesondere in den städtischen Armenvierteln, um den Einfallsreichtum und die Anpassungsfähigkeit der marginalisierten Bevölkerungsschichten bezüglich ihrer alltäglichen Überlebensstrategien hervorzuheben.
Dieter Läpple führte in der Podiumsdiskussion zunächst aus, in welch kurzer Zeit die urbane Bevölkerung weltweit im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung Oberhand gewonnen habe (von drei Prozent Anfang des 19. Jahrhunderts über 15 Prozent zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis hin zu gegenwärtig 50 Prozent und voraussichtlich 60 Prozent im Jahre 2025, was etwa vier Milliarden Menschen entspricht). Dabei seien es nicht mehr die im Zuge der Industrialisierung gewachsenen Metropolen der am weitesten entwickelten Staaten des „Westens“, welche die aktuellen Entwicklungstendenzen vorgeben, sondern vor allem die zahlen- und flächenmäßig geradezu explodierenden Megastädte des „Südens“ (sowie des Fernen Ostens), die bis zu 95 Prozent des Prozesses ausmachten. Dort befänden sich auch die meisten der neueren Megastädte mit mehr als acht Millionen Einwohnern sowie der sogenannten Hyperstädte mit mehr als 20 Millionen Einwohnern.
Mit Verweis auf die klassische Einwanderer- und Weltstadt New York betonte Läpple, dass diese heute vornehmlich durch eine strukturelle Transformation von einer modernistischen industriellen hin zu einer postfordistischen tertiärisierten Stadt gekennzeichnet sei, während fundamentale Veränderungen vor allem in Stadtregionen wie jener des chinesischen Pearl River Delta oder auch in Shanghai stattfänden. In diesen Ballungszentren sei ein „Hochgeschwindigkeitsurbanismus“ an einen Radikalkapitalismus gekoppelt, in dessen Folge verschiedenste Wirtschaftszyklen im Zeitraffer durchlaufen würden und die traditionelle, über Jahrhunderte gewachsene Bausubstanz ganzer Stadtviertel zugunsten neuer Büro- und Wohntürme, Lager- und Produktionshallen oder provisorischer Unterkünfte für die enorme Menge an Wanderarbeitern massenweise abgerissen werde.
Oftmals gehe diese Entwicklung mit einem Zusammenbruch der öffentlichen Infrastruktur einher. Verkehrsinfarkt und die Überbelastung des öffentlichen Personenverkehrs, ein Mangel an Strom- und Wasserversorgung, an Kanalisation, Müllabfuhr, Asphalt, Straßenbeleuchtung oder an funktionierenden Post-und Telefonnetzen gehörten ebenso zum städtischen Alltag wie Armutskriminalität und soziale Polarisierung. Diesen Prozessen stünde in den meisten Fällen eine generell überforderte, oftmals nur bedingt funktionsfähige, ineffizient arbeitende sowie eklatant unterfinanzierte Stadt- und Kommunalverwaltung gegenüber. Durch die oftmals exponierte Küsten-, Fluss-, Tal- oder Hanglage (gelegentlich auch am Fuße eines Vulkans oder über zwei tektonische Platten hinweg) seien etliche der neueren Megastädte in zusätzlicher Weise einer erhöhten Gefahr durch Naturkatastrophen ausgesetzt.
Laut Läpple trügen nicht zuletzt die hohen Kriminalitätsraten dazu bei, dass sich in den städtischen Agglomerationen vermehrt Ghettoisierungseffekte abzeichneten und zwar sowohl hinsichtlich der marginalisierten Unterschichten in oftmals flächenexpansiv ausufernden Slums als auch hinsichtlich der Oberschicht in den meist suburban gelegenen „Gated Communities“ und exklusiven innerstädtischen Einkaufszentren. Sowohl die „Corporate Favelas“ der Armen als auch die „Gated Communities“ der Reichen bildeten dabei zum Teil völlig autonome (und mitunter auch autarke) Substädte, welche sich als von der öffentlichen Stadt gänzlich abgekoppelt darstellten.
Letztlich handele es sich, so Läpple, um einen Verstädterungsprozess, der jeglicher Form von Urbanität zuwiderlaufe, da in diesen Agglomerationsräumen weder die sozialintegrative Funktion der Stadt noch eine auf die räumlichbauliche Zentralität des öffentlichen Raumes ausgerichtete städtische Einheit zur Geltung käme. Angesichts der neueren globalen Restrukturierungsprozesse vollziehe sich in diesen Städten eine komplexe Vermengung von Globalisierungs- und Informatisierungseffekten gepaart mit zunehmender Informalisierung des städtischen Wohn-, Arbeits- und Soziallebens, deren umfassende Auswirkungen eine Neubewertung des Phänomens Stadt insgesamt erforderlich machten. Diese dürfe fortan nicht mehr auf städtische Zentralität ausgerichtet sein, wie es im Leitbild der europäischen Stadt der Fall ist, sondern müsse vermehrt – wie in den Modellen der Zwischenstadt, der amalgamen Stadt oder der Stadtregion – die Prozesse des Stadt-Land-Kontinuums berücksichtigen.
2 Der Abschied vom Begriff des Urbanismus und idealtypischen Leitbildern
Helmuth Berking hingegen kritisierte in seinen Ausführungen zum Megastadtphänomen gerade diese Suche nach Universalbegriffen, um die gegenwärtigen, höchst divergenten Entwicklungsprozesse zu erfassen. So erfordere die Diversität der Dynamiken (wie etwa der sozialräumlichen Segregation) keine bipolaren Modelle entsprechend dem Entwurf der „dualen Stadt“, sondern ein grundlegendes Verständnis der schichtübergreifenden gesellschaftlichen sowie stadträumlichen Zusammenhänge.
So konstatierte Berking, dass die Stadtforschung seit einigen Jahrzehnten durch eine stark normativ orientierte, pessimistische Perspektive dominiert sei, wie sie etwa in Darstellungen zur Krise der Stadt, zu deren Polarisierung oder Fragmentierung und auch zum Verlust des Öffentlichen zum Ausdruck komme. Letztlich entstammten diese Ansätze einer spezifischen nostalgischen Sichtweise, der das Bild einer imaginierten städtischen Einheit entsprechend dem Mythos eines europäischen Urbanismus des 19. Jahrhunderts zugrunde liege. Einen solchen Urbanitätsbegriff lehne er ab, so Berking, da er einem durch den „Westen“ oktroyierten Verständnis von Zivilisation, Öffentlichkeit und Märkten entstamme. Dieser sei etwa auf die informellen Märkte der städtischen Armen nicht anwendbar, weil diese gar keine Märkte im herkömmlichen Sinne darstellten, sondern allein auf der Basis der unmittelbaren Reproduktion und des Gesetzes des direkten Geldes oder Tausches, nicht aber in Form von Marktgesetzen funktionierten. Dabei entsprächen die neuen Megacities und insbesondere ihre Armenviertel etwa hinsichtlich ihrer funktionalen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Heterogenität oder auch der baulichen Dichte gerade wesentlichen Charakteristika idealtypisierter Urbanität. Das beschriebene Dilemma der städtischen Gesellschaften, sei, so Berking, im Endeffekt nichts weiter als ein Abbild der gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt. Anhand der Großstadtkritik komme lediglich eine generalisierte Zivilisationskritik zum Ausdruck, wobei die sogenannten „Failing Cities“ ebenso wenig einer soziourbanen Utopie entsprächen wie die Gesellschaft insgesamt – dies gelte für New York letztlich ebenso wie für Dhaka.
Des Weiteren kritisierte Berking die stets globale Betrachtung des Megastadtphänomens, in deren Folge in einem Atemzug oftmals die Entwicklung solch unterschiedlicher Metropolen wie Mumbai, Lagos oder São Paulo abgehandelt würden, ohne den Blick auf die jeweiligen strukturellen Rahmenbedingungen zu richten. Derlei Rundumschläge würden in Vorträgen dann zumeist mit den immer gleichen, wohlbekannten Luftaufnahmen rostiger Wellblechbehausungen bebildert, um der apokalyptischen Darstellung eine gewisse Dramatik zu verleihen. Dabei verhielte es sich doch vielmehr so, dass bereits in nicht wenigen Städten der entwickelten Welt die visionären Anforderungen, wie sie von der UN in den Millennium Development Goals (Goal 2: Achieve universal primary education) formuliert wurden, nicht erreicht werden könne.
In jenen Megacities schließlich, in denen für die Zuwanderer meist kein regulärer Arbeitsplatz zu erwarten sei und das Bevölkerungswachstum den formellen Arbeitskräftebedarf bei Weitem überflügele, suchten sich diese ihre alltäglichen Überlebens- und sozioökonomischen Reproduktionsnischen verstärkt in Betätigungsfeldern des informellen Sektors. In vielen Megastädten stellten solche Beschäftigungs- und Tätigkeitsformen ohne Sozial- und Krankenversicherung, Steueraufkommen oder geregeltes Einkommen inzwischen bereits die Mehrzahl städtischer Arbeitsverhältnisse dar.
3 Alltags- und Überlebensstrategien in den Slums der Megastädte
Laut Berking führe der oftmals vorgezeichnete Weg die neuen Stadtbewohner zumeist direkt und dauerhaft in die städtischen Elendsquartiere. So repräsentiere das Wohnen in irregulären Behausungen neben der informellen Arbeit den zweiten Schlüsselbereich informeller Subsistenzproduktion der städtischen Armen.
Berking verwies darauf, dass die globalen Daten megastädtischer Verslumung spätestens seit Mike Davis vielzitiertem Buch „Planet der Slums“[1] weitestgehend publik und populär gemacht worden seien. So gab es laut Davis im Jahre 2005 weltweit eine Milliarde Slumbewohner, also ca. ein Drittel der globalen Stadtbevölkerung insgesamt. Bis 2030 solle sich nach diesen Schätzungen die Zahl der Slumbewohner noch einmal verdoppeln. In einigen der weniger entwickelten Länder stellten die Slumbewohner bis zu 80 Prozent des Wachstums der städtischen Bevölkerung (in Südostasien sogar bis zu 90 Prozent und in Afrika wachsen die Slums teilweise doppelt so schnell wie die Städte insgesamt). Weltweit gäbe es insgesamt mehr als 200.000 Slums, die Davis in vier verschiedene Slumtypen unterteilt: 1.) die formellen oder legalisierten Slums in der Kernstadt, 2.) die informellen Slums in der Kernstadt, 3.) die formellen Slums der Peripherie sowie 4.) die informellen peripheren Slums. Insgesamt lebe zwischen einem Fünftel und einem Drittel der städtischen Armen in Stadtzentren oder in deren Nähe, die große Mehrheit jedoch in der Peripherie (Davis 2007).
Jedoch merkte Davis an: „Weder leben alle armen Stadtbewohner in Slums, noch sind alle Slumbewohner arm.“ (Davis 2007, S. 29) So wies auch Berking darauf hin, dass es nicht ausreiche, globale Zahlen zu Armutsquartieren zu erstellen und diese verschiedenen Slumtypologien zuzuordnen, sondern dass es eine differenzierte Sichtweise des städtischen Armutsphänomens erfordere. Zwar lebe insgesamt mindestens die Hälfte der weltweiten Stadtbevölkerung in Armut (ca. ein Viertel in äußerster Armut), jedoch wohne in nicht wenigen Städten die Mehrheit der Armen außerhalb der eigentlichen Slums. Zahlreich seien etwa die Bürgersteigbewohner und Obdachlosen mit ihren Pappkartonhütten, deren informelle Betätigung oftmals stadträumliche Zentralität erfordere. Auf der anderen Seite hätten die Slums, so Berking, eine höchst unterschiedliche Entwicklung durchgemacht. Während manche illegalen Siedlungen staatlichen Repressalien ausgesetzt seien, erreichten andere eine Legalisierung des Bodenbesitzes und den nachträglichen Anschluss ans Wasser-, Strom- und Straßennetz. Extralegale Parzellierungen von bereits seit geraumer Zeit besetztem und inzwischen legalisiertem Land hätten mitunter zu regelrechten Bodenspekulationen und zu kommerzieller Untervermietung in Slumgebieten geführt.[2]
Insgesamt erfordere die wissenschaftliche sowie entwicklungspolitische Sichtweise auf das Megastadtphänomen, so Berking, ortsspezifische empirische Kenntnisse sowie ein Verständnis der Funktionsweisen und der Vitalität der lokalen Alltagspraxis der jeweiligen Bewohner (gewissermaßen als Experten alltäglichen städteräumlichen Aneignungshandelns und der Slumnormalität). Warum etwa eine bestimmte Fördermaßnahme an einem Ort funktioniere und am anderen Ort nicht, sei anhand globaler Statistiken nicht zu erhellen, sondern bedürfe einer Perspektive auf das spezifisch Lokale und auf die jeweiligen historischen, geografischen, politischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Entwicklungsbedingungen und -potenziale einer Stadt und ihrer Quartiere.
4 Weder Glorie noch Drama
Als Resümee der Podiumsdiskussion lässt sich sagen, dass es weder angebracht ist, die Situation in den neuen Megastädten und ihren Armenvierteln zu glorifizieren, noch diese zu dramatisieren. Statt ein ideologisiertes Revolutions- oder auch Katastrophenszenario zu beschwören, ist vielmehr eine nüchterne Betrachtung der Entwicklung vonnöten. Letztlich ist ein grundlegendes Verständnis der Funktionsweisen der Megastädte erforderlich und eine Verurteilung der Entwicklungstendenzen weder förderlich noch realitätsbezogen. So sollte vielmehr auch nach Ähnlichkeiten und Zusammenhängen zwischen den Metropolen der hoch und der weniger weit entwickelten Weltregionen gesucht werden. Nicht zuletzt trägt die Betrachtung der Megacities der Entwicklungsländer auch zu einem besseren Verständnis der sogenannten „westlichen“ Städte bei.
In Anbetracht der großen globalgesellschaftlichen Transformationen bilden die Megacities der Gegenwart und Zukunft eine Schlüsselkategorie weiterer Entwicklungstendenzen. So fungieren sie nicht nur als Schalt- und Kontrollzentren der globalisierten Waren-und Finanzmärkte, wie es Saskia Sassen anschaulich in ihrem Global-City-Modell beschrieben hat (Sassen 1996), sind sie nicht nur Schauplatz der Auseinandersetzung und des Wandels von einer fordistisch industriell geprägten Gesellschaftsordnung hin zu postmodernen Dienstleistungsgesellschaften mit ihren baulichen Ikonen, ebenso wenig wie sie bloße Orte der Innovation sind, an denen sich die Informations- und Kommunikationstechnologie neue Wege bahnt (vgl. Castells 1996); sie sind auch die Orte, an denen sich das ökologische Schicksal unseres Treibhaus-Planeten entscheidet. Zynischerweise hinterlassen die „südlichen“ Megastädte nicht nur aufgrund einer gewissen Recycling-Kultur einen geringeren ökologischen Fußabdruck[3] als die meisten Städte der Nordhalbkugel, sondern sie haben nicht zuletzt aufgrund der prekären Lage mangelnder sanitärer Versorgung einen geringeren Ressourcenverbrauch. Es wäre nicht nur ein verheerendes, sondern schlichtweg auch ein unrealistisches Ansinnen, der marginalisierten Bevölkerung dieser Metropolen in absehbarer Zeit einen auch nur annähernd so komfortablen urbanen Lebensstil zu versprechen, wie ihm in den entwickelten Ländern gegenwärtig noch gefrönt wird. Doch auch zu den Metropolen der entwickelten Regionen gibt es keine Alternative, denn trotz horrenden Ressourcenverbrauchs wäre eine gleichmäßig zersiedelte Landschaft ökologisch allemal gravierender. Wenn jedoch die Stadt – und zwar weltweit – als Lösung nicht zuletzt für den Klimawandel fungieren soll und sich unter anderem auch auf die Abhängigkeit ihrer Reproduktionssicherung vom ländlichen Umland besinnt, muss ein Weg gefunden werden, die sich verknappenden Ressourcen nicht nur möglichst effizient zu nutzen, sondern auch innerstädtisch wie global gerechter zu verteilen.
Die in den Millennium Development Goals formulierte Zielsetzung der Armutshalbierung bis 2015 und die im „Cities without Slums Action Plan“ des Millennium-Gipfels der Weltbank und des „United Nations Centre for Human Settlements” ausgerufene Verbesserung der Lebensbedingungen von hundert Millionen Slumbewohnern innerhalb von zwanzig Jahren sind angesichts der sich in den letzten Jahren wieder global rasant verschlechternden Ernährungssituation sowie nun auch der gegenwärtigen Finanzkrise unrealistischer denn je. So besteht die gegenwärtige Herausforderung bezüglich der Megastädte darin, die kommunale Stadtentwicklungs- und die nationale Förderpolitik wie auch die internationale Entwicklungszusammenarbeit verstärkt auf dezentralisierte, partizipative Konzepte der schrittweisen Slumaufwertung und der Mikrofinanzierung zu konzentrieren, ohne dadurch bereits bestehende produktive und teilweise auch nachhaltig wirkende lokale Strukturen – und seien sie auch informeller Art – zu zerstören und die Maßnahmen eng an den ortsspezifischen Bedürfnissen auszurichten. Das Gebot der Zeit muss gerade angesichts des Zusammenbruchs der globalen Märkte lauten, nicht mehr primär auf hehre Wachstumseffekte und großspurige Spitzenwerte zu setzen, sondern auf kleinteilige Breitenwirkung.
Anmerkungen
[1] Davis bezieht seine Daten überwiegend aus dem 2003 veröffentlichten UN-Habitat-Bericht „The Challenge of Slums“ als erstmals global angelegtes Dokument zur Bestandsaufnahme urbaner Armut (Davis 2007).
[2] Auch Davis schreibt in diesem Zusammenhang, dass Mietwucher gegenüber den meist rechtlosen Mietern keine Seltenheit in Slumquartieren sei und dass „kleiner Grundbesitz und Untervermietung zu den wichtigsten Vermögensstrategien der Armen gehören und dass Wohneigentümer schnell zu Ausbeutern noch ärmerer Menschen werden“ (Davis 2007, S. 48).
[3] Der ökologische Fußabdruck setzt sich aus dem Konsum pro Fläche und Bevölkerung in Beziehung zur Menge an Boden und Wasser zusammen, die benötigt wird, um Güter zu produzieren und Müll zu absorbieren.
Literatur
Beck, U., 2008: Ungleichheit ohne Grenzen. Wer absteigt und wer aufsteigt im Zeitalter von Globalisierung und Klimawandel. In: DIE ZEIT 42 (2008), Hamburg; http://pdf.zeit.de/2008/42/Ungleichheit.pdf (download 27.4.09)
Castells, M., 1996: The Rise of the Network Society. Oxford
Davis, M., 2007: Planet der Slums. Berlin Sassen, S., 1996: Metropolen des Weltmarkts. Frankfurt a. M.