Kolloquium: Kultureller Wandel und Nachhaltigkeit (Weimar, 30. - 31. Oktober 2008)

Tagungsberichte

Kultureller Wandel und Nachhaltigkeit

Bericht vom 9. Weimarer Kolloquium
Weimar, 30. - 31. Oktober 2008

von Susanne Hartard, Fachhochschule Trier

Die 1999 gegründeten Weimarer Kolloquien haben das Ziel, realistische Zukunftsbilder einer nachhaltigen Gesellschaft zu entwickeln. Sie haben ihre Wurzeln in der Vereinigung fürÖkologische Ökonomie. Das Weimarer Kolloquium hat sich abseits des üblichen Tagungsbetriebes als persönlich geprägtes wissenschaftliches Kolloquium mit starkem interdisziplinären Charakter und einer überschaubaren Teilnehmerzahl (ca. 15 bis 20) etabliert. Die Weimarer Kolloquien werden gegenwärtig alle ein bis zwei Jahre im Herbst abgehalten und durch Susanne Hartard (Fachhochschule Trier Umwelt-Campus Birkenfeld) und Axel Schaffer (Universität Karlsruhe) geleitet.

Ziel der Weimarer Kolloquien 2008 und 2009 – dieses Mal mit ITAS als weiterem Veranstalter – ist die (Weiter-)Entwicklung des Konzepts der kulturellen Nachhaltigkeit. Die Fähigkeit, eine ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige Entwicklung zu etablieren, hängt entscheidend auch von unserer Art (miteinander) zu leben, also von unserer Kultur ab. Wie kann es gelingen, einen Kulturwandel herbeizuführen, der unsere Gesellschaften nachhaltig werden lässt? Vor dem Hintergrund dieser Fragestellung wird der Zusammenhang von Kultur und Nachhaltigkeit immer bedeutsamer. Auf dem 9. Weimarer Kolloquium „Interdependenzen zwischen kulturellem Wandel und nachhaltiger Entwicklung“ Ende Oktober 2008 in Weimar wurden in einer ersten Annäherung aus verschiedenen Blickwinkeln der Kulturbegriff in seinen verschiedenen Facetten beleuchtet und die Verbindung zwischen Nachhaltigkeit und Kultur diskutiert. Reflexionen über Definitionen des Begriffs „Kultur“ und der damit verbundenen Begriffsvielfalt und Geschichte zeigten unter anderem die materielle und immaterielle Seite des Kulturbegriffs.

1     Kulturbegriff

Die Annäherung an Kultur und Kulturalität erscheine, so Banse und Metzner-Szigeth, durch Paradoxien von Kultur, wie etwa Vereinheitlichung und Differenzierung oder Kontinuität und Wandel, erschwert. Kultur definiere sich als „Ergebnis menschlicher Lebens- und Daseinsbewältigung in einer Kommunikations- und Handlungsgemeinschaft in einer bestimmten Umwelt“ (Banse, Metzner-Szigeth) und scheine vor allem in drei Elementen verankert: in einem Kollektiv von Personen (häufig als Gemeinschaft gedacht), an geographische Räume gebunden und in einer zeitlichen Folge und historischen Tradition. Nachhaltige Entwicklung und Kultur träfen sich in ihrer Eigenschaft der Kontinuität, so Robert Hauser und Gerhard Banse (Karlsruhe).

Kultur ist jedoch mehr als Kontinuität, eine Bewertungskomponente kommt hinzu. Der UNESCO-Konvention zum Weltkulturerbe liegen bewertende Faktoren zugrunde. Neben dem materiellen Weltkulturerbe definiert die UNESCO-Konvention das immaterielle Weltkulturerbe als „Gebräuche, Ausdrucks- und Darstellungsformen, tradiertes Wissen, Kunstfertigkeiten sowie Instrumente, künstlerische Objekte und Kulturräume, welche Gemeinschaften, Gruppen und gegebenenfalls auch Individuen als Teil ihres kulturellen Erbes wahrnehmen“. Caroline Robertson-von Trotha (Karlsruhe) referierte, dass Kulturstandards helfen könnten, Kultur zu kommunizieren und zu bewahren. In einer globalisierten Welt dienten Kulturstandards der allgemeinen Völkerverständigung und einem verantwortlichen Handeln. Das Bewahren von Kulturerbe unterliege jedoch dem Dilemma des Bewahrens im Wandel. Ein Beispiel: Die Entscheidung zum Bau der Weimarer Europäischen Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte EJBW (dem Tagungsort) stand vor dem Dilemma, dass sie mit dem Bau der EJBW in Kauf nahm, das Gartengrundstück des bekannten Weimarer Gelehrten Johann Karl August Musäus (1735-1787), der fünf „Legenden von Rübezahl“ in seine „Volksmärchen der Deutschen“ aufnahm, nachhaltig zu verändern.

Welches Verhältnis Kultur und Nachhaltigkeit haben, wurde auf der Basis bestehender Säulenkonzepte und der integrativen Nachhaltigkeitsstrategie thematisiert. In der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung werde der Kulturbegriff nicht sichtbar umgesetzt. Es sei ein Kulturdefizit in der Nachhaltigkeitsdebatte zu konstatieren, so Jürgen Kopfmüller (Karlsruhe). Nachhaltige Konzepte bedürften der Kontextualisierung, d. h. etwa der Export von Umwelttechnik bedürfe der Berücksichtigung lokaler Kontexte. Dazu sei eine Neubewertung und Öffnung des Traditionsbegriffes nötig. Insbesondere der regionalen Traditionspflege im Sinne des bekannten Agenda-21-Mottos „Global Denken, lokal handeln“ komme eine besondere Bedeutung zu, ergänzte Carsten Stahmer (Wiesbaden).

2     Kulturelle Nachhaltigkeit und Konsum

Einen wichtigen Bestandteil der Nachhaltigkeitsdiskussion bildet die Konsumforschung. Verbraucher erwerben Güter wegen ihrer Gebrauchsfunktion und / oder Symbolfunktion. Symbole dienen als Mittel, um die Grenzen der lebensweltlichen physischen Erfahrung zu überschreiten. Die Symbolfunktion eines Produkts kann in einem anderen kulturellen Kontext sehr unterschiedlich aussehen. Zur materiellen Entlastung im Sinne der Nachhaltigkeit dienen Effizienzgewinne bei der Produktion von Gütern. Die metaphysische Entlastung wird durch das Suffizienzleitbild („weniger ist mehr“) bzw. eine mehr an Dienstleistungen orientierte Gesellschaft angestrebt. Dabei stelle sich die Frage derÄnderung von habitualisierten Gewohnheiten (Renate Hübner, Klagenfurt).

Die Kultur der Nachhaltigkeit habe zwei Seiten, so Oliver Parodi (Karlsruhe). Diese zwei Seiten stünden im Wechselspiel: das Kollektiv und das Individuum. Unsere Kultur erscheine bislang nicht nachhaltig. Als wichtig erachtet werde die Überwindung der klassischen Trennung von Natur und Kultur wie auch die Kultivierung von Technik. Bei der Kultivierung von Technik kämen Aspekte hinzu, wie etwa die gesellschaftliche Akzeptanz, ethische Vertretbarkeit und ästhetische Angemessenheit von Produkten. Bei der bisherigen Technikentwicklung werde gemäß Luhmanndie „Welt im Übrigen“ ausgeschaltet. Funktionierende und nachhaltige Technik der Zukunft müsse aber auch kulturelle Sachverhalte abbilden und kontrollieren.

Durch die geographische und soziale Nähe böten sich in einer Region besondere Chancen sozialer Lernprozesse. Dirk Fornahl (Karlsruhe) stellte die Bedeutung von regionalen Vorbildern vor – sogenannte geteilte mentale Modelle. Durch bekannte Vorbilder erhöhe sich die Akzeptanz z. B. von innovativer Technik oder neuen Geschäftsgelegenheiten. Damit erhöhe sich auch die Chance des Diffundierens nachhaltiger Konsummuster, die bisher gegenüber Unternehmensgründungen eher einen instabilen Charakter trügen.

3     Kulturelle Nachhaltigkeit und Globalisierung

Der Globalisierungsindex der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF-Index) misst die wirtschaftliche, soziale und politische Dimension der Globalisierung. Indikatoren der sozialkulturellen Globalisierung im KOF-Index sind beispielsweise die Zahl internationaler Flüge oder Überweisungen. Die soziokulturelle Globalisierung geht einher mit der ökonomischen Globalisierung, dem zunehmenden kulturellen Handel (z. B. Bücher, Musik, Filme), ansteigender Lebenszufriedenheit und zunehmender Klimabelastung. Kritisch stellte sich Axel Schaffer (Karlsruhe) bei den vorgestellten Ergebnissen die Frage nach dem Verlust bzw. den Möglichkeiten des Bewahrens kulturellen und naturgebundenen Erbes.

In der Tradition der Weimarer Kolloquien steht die enge Verknüpfung zum kultur- und geschichtsträchtigen Tagungsort und der Europäischen Kulturhauptstadt Weimar 1999. In seinem Vortrag „Kulturpatriotismus im klassischen Weimar“ erläuterte Jürgen Schramke (Göttingen) den gemeinnützigen und lokalpatriotischen Ansatz patriotischer Gesellschaften des 18. Jahrhunderts. In den kleinen Residenzen, wie der damaligen Residenz Sachsen-Weimar-Eisenach, wurden partikulare Ansätze gleichsam verfolgt wie kosmopolitische Ansätze mit derÖffnung zur und Übersetzung der Weltliteratur.

4     Ausblick

Das Weimarer Kolloquium 2008 wurde von allen Teilnehmern als spannende und fortsetzungswürdige erste Annäherung zum Thema „Kultureller Wandel und Nachhaltigkeit“ aufgefasst. Die Breite des Themas und die interdisziplinär tradierte Begriffsentwicklung seien ein anspruchsvoller Hintergrund für einen strukturierten wissenschaftlichen Dialog. Es ist auf der Tagung erfolgreich gelungen, die immaterielle und materielle Seite des Kulturbegriffs mit Beispielen und disziplinären Ansätzen offenzulegen. Der durch die UNESCO-Konvention geschaffene Standard „Weltkulturerbe“ und seine Kommunizierbarkeit regt vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeitsstrategie in Deutschland an, die gegenwärtig unscharfe Rolle des Kulturbegriffs in der Nachhaltigkeitsdiskussion weiter zu klären. In 2009 ist die Fortführung der Kolloquien zur kulturellen Nachhaltigkeit geplant, um das Thema insgesamt ganzheitlicher und vollständiger zu fassen. Zu den Weimarer Kolloquien liegt eine Reihe wissenschaftlicher Buchpublikationen vor. Die aktuellste ist: Hartard, S.; Schaffer, A.; Giegrich, J. (Hg.), 2008: Ressourceneffizienz im Kontext der Nachhaltigkeitsdebatte, Baden-Baden.